"Me First" – warum ich glaube, dass wir uns gerade in die falsche Richtung bewegen.
„Du musst zuerst dich selbst lieben.“
„Achte zuerst auf deine Bedürfnisse.“
Kaum eine Botschaft begegnet uns heute häufiger als diese. Auch bei Beziehungscoaches.
Und bevor du weiterliest: Ich halte Selbstfürsorge für wichtig. Und auch ich betone es in meinen Sessions mit Klienten.
Wer sich selbst dauerhaft übergeht, ständig nur funktioniert und die Bedürfnisse aller anderen über die eigenen stellt, wird irgendwann krank – körperlich oder seelisch.
Selbstfürsorge ist deshalb kein Luxus. Sie ist notwendig.
Aber genau hier beginnt für mich ein schmaler Grat.
Denn aus dem gesunden Gedanken der Selbstfürsorge scheint immer häufiger eine neue Lebenshaltung zu werden:
„Ich zuerst.“
Von der Selbstfürsorge zum Egoismus
Ich habe den Eindruck, dass wir heute sehr viel darüber sprechen, wie wir unsere Grenzen setzen, unsere Bedürfnisse erfüllen und uns von Menschen lösen können, die uns nicht guttun.
Aber ich höre viel seltener, dass Beziehung auch bedeutet, den anderen auszuhalten, geduldig zu sein und Kompromisse einzugehen.
Nicht jede Unzufriedenheit sofort als Zeichen zu sehen, dass etwas nicht stimmt.
Eine gute Beziehung besteht nicht daraus, dass immer beide glücklich sind.
Sie besteht daraus, dass beide immer wieder bereit sind, aufeinander zuzugehen.
Ich bin wichtig. Und du bist auch wichtig.
Ich glaube nicht an „Me First“.
Ich glaube an einen anderen Satz.
Ich bin wichtig.
Und du bist auch wichtig.
Für mich ist das der Unterschied zwischen Selbstfürsorge und Egoismus.
Selbstfürsorge sagt:
"Ich kümmere mich gut um mich."
Egoismus sagt:
"Meine Bedürfnisse sind wichtiger als deine."
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Was stabile Beziehungen wirklich ausmacht
Der Beziehungsforscher John Gottman untersucht seit Jahrzehnten, warum manche Paare zusammenbleiben und andere sich trennen.
Seine Forschung zeigt etwas Überraschendes:
Nicht die großen Liebesbeweise machen den Unterschied, sondern die Bereitschaft, einen Streit zu reparieren, statt ihn gewinnen zu wollen.
Erfüllte Beziehungen entstehen nicht dadurch, dass jeder zuerst an sich denkt. Glückliche Beziehungen entstehen, weil zwei Menschen ihr Verbindung immer wieder pflegen. Die Verbindung ist wichtiger, als das eigne Rechthaben. Es ist völlig okay, wenn wir anderer Meinung sind. Es gibt immer verschiedene Perspektiven auf ein und dieselbe Sache.
Verlernen wir das "Wir"?
Wir leben heute individueller als jede Generation vor uns. Wir haben mehr Freiheiten, mehr Möglichkeiten.
Wir haben mehr Wissen über psychische Gesundheit.
Das ist ein großer Fortschritt.
Und trotzdem entscheiden sich immer mehr Paare für Trennung.
Vielleicht haben wird die Fähigkeit verloren, ein Wir auszuhalten.
Denn ein "Wir" bedeutet nicht, sich selbst aufzugeben.
Es bedeutet auch nicht, die eigenen Bedürfnisse zu ignorieren.
Es bedeutet, anzuerkennen, dass in einer Beziehung nicht nur ein Mensch wichtig ist.
Sondern zwei.
Mein Fazit
Ich wünsche mir keine Gesellschaft, in der Menschen sich wieder für andere aufopfern.
Aber ich wünsche mir auch keine Gesellschaft, in der jeder nur noch fragt:
„Was brauche ich?“
Vielleicht sollten wir häufiger fragen:
„Was brauchen wir?“
Denn ich glaube, eine gute Beziehung beginnt nicht mit Selbstaufgabe.
Aber sie beginnt auch nicht mit „Me First“.
Sie beginnt dort, wo zwei Menschen sich gegenseitig wichtig sind.
Ich bin wichtig.
Und du bist auch wichtig.